Wenn der Lebenskreis sich schließt

  |  Andreas-Hospiz

Mitte März klingelt im Andreas-Hospiz das Telefon. Die Tochter von Frau K. fragt mit leiser Stimme, ob es noch einen Platz für ihre Mutter gebe.

Wenige Tage später zieht Frau K. in ihr neues Zimmer ein. Als sie den Raum betritt, bleibt ihr Blick sofort am Fenster hängen. Warmes Sonnenlicht fällt auf das Bett und lässt den ganzen Raum freundlich wirken. Frau K. lächelt. „Darauf habe ich so lange gewartet“, sagt sie leise, während die ersten Sonnenstrahlen ihr Gesicht berühren.

Die ersten Tage verbringt sie gemeinsam mit ihren Töchtern. Sie sitzen zusammen, erzählen Geschichten, lachen, schweigen und genießen die gemeinsame Zeit. Doch schon bald spürt Frau K., dass ihre Kräfte nachlassen. Sie wird müder und schwächer. In den Gesprächen mit den Töchtern fällt immer wieder dieselbe Frage: „Was glauben Sie, wie lange wird es noch dauern, bis unsere Mama stirbt?“. Diese Frage hören die Hospiz-Mitarbeitenden oft. Beantwortet werden kann sie nie. Denn wie am Anfang des Lebens gibt es auch am Ende keinen festen Tag, keinen genauen Zeitpunkt.

Das Hospiz-Team begleitet die Gäste bis zuletzt, bis zu dem Moment, in dem sie von einem Bestattungsinstitut überführt werden. Zu dieser letzten Wegstrecke werden auch die Zugehörigen eingeladen.

Alle nehmen gemeinsam Abschied, niemand geht anonym.

Ende März, an einem sonnigen Nachmittag, verabschiedet das Team Frau K. gemeinsam mit ihrer Familie. Noch einmal fällt warmes Licht durch das Fenster, so wie an dem Tag ihrer Ankunft. Wie so oft ist auch dieser Abschied einzigartig. Er ist traurig und zugleich voller Wärme. Und an diesem Nachmittag ist er sogar von einem Lachen begleitet.

Denn ausgerechnet auf dem Weg nach draußen bleibt zum ersten Mal im Andreas-Hospiz der Fahrstuhl stecken:  mit Frau K., ihrer ältesten Tochter und dem Bestattungsunternehmen. Für einen Moment schauen sich alle erschrocken an. Dann beginnt die Familie zu lachen. Denn genau davor hatte Frau K. zu Lebzeiten immer die größte Angst: im Fahrstuhl stecken zu bleiben. So wird aus dem letzten Abschied noch einmal ein Moment, der ganz zu Frau K. passt. Mitten in der Trauer ist Platz für ein Lächeln, für Erinnerungen und für gemeinsames Lachen. Ganz anders, als viele Menschen sich einen Abschied vorstellen.

Wussten Sie schon…?

Das Hospiz schafft mit den sogenannten Abschiedstagen bewusst Zeit und Raum für ein individuelles Abschiednehmen. In diesen Tagen kurz nach dem Todkönnen sich die Zugehörigen in Ruhe und im geschützten Rahmen des Hospizes noch einige Tage nach dem Versterben von ihren Liebsten verabschieden, während die verstorbene Person im Zimmer verbleiben kann. Da diese besondere Form des Abschieds nicht refinanziert wird, sind wir dafür auf Spenden angewiesen. Mit Ihrer Spende können Sie einen wichtigen Teil zur Trauerarbeit leisten. Unterstützen Sie uns hier!